Bezirksverband der Kleingärtner Reinickendorf e. V.

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Verfasst am 19.07.2021 um 09:20 Uhr

Fuchs, Eichhörnchen & Co. vor der Kamera    

Mehr als 200 Kleingärtner haben in den letzten drei Jahren beim Projekt „Wildtierforscher in Berlin“ mitgemacht

Wildtierkamera im Garten: Berlinerinnen und Berliner ermöglichen mit ihren Aufnahmen neue Einblicke in die Großstadt-Fauna. Foto: Milena Stillfried

Die meisten Naturliebhaber zieht es vor die Stadt, wenn sie heimische Wildtiere beobachten wollen. Dabei ist Berlin bekannt für seinen hohen Anteil an Grünflächen und Heimat unzähliger Wildtiere. Einen besonderen Lebensraum stellen Kleingärten dar, denn hier finden die Tiere alles, was sie brauchen. Aber welche Arten gibt es überhaupt in Berlin und wo kommen sie vor? Was finden und mögen sie in unseren Gärten? Solche Fragen interessieren das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin-Friedrichsfelde.


Wildtierforschung in Berliner Kleingärten
In den vergangenen drei Jahren wurden im Projekt „Wildtierforscher in Berlin“ mit Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern wild lebende Säugetiere in der Stadt und im nahen Umland erfasst. Hierzu haben die Teilnehmenden für jeweils vier Wochen eine Wildtierkamera in ihrem Garten aufgehängt. Wildtierkameras sind mit einem Bewegungssensor ausgestattet und machen automatisch Fotos von Tieren, die sich vor der Kamera bewegen. Diese haben die Teilnehmenden auf einer Internetplattform hochgeladen und die fotografierten Tierarten bestimmt.


Begegnung in der Nacht: Fuchs trifft auf Waschbär. 

Foto: Leibniz- IZW

Die gewonnenen Daten konnten sie dann grafisch darstellen und anhand von statistischen Tests auswerten. Ihre eigenen Daten konnten sie mit denen anderer Teilnehmender vergleichen und ihre Ergebnisse und Erfahrungen im Forum diskutieren.


Katzen: Ökologisches Problem für Wildtiere

Insgesamt nahmen mehr als 800 Berlinerinnen und Berliner mit eigenem Garten teil, darunter mehr als 200 Kleingärtner. Vertreten waren alle Altersgruppen – von knapp 20 bis über 80 Jahren. Insgesamt wurde 300.000 Fotos hochgeladen; auf 40.000 Fotos waren tatsächlich Wildtiere erkennbar. Gleichzeitig entstanden 34.000 Katzenbilder. Kein Wunder, denn die Katze ist in Deutschland mit fast 15 Millionen Tieren das beliebteste Haustier – ökologisch gesehen stellt das ein großes Problem für unsere heimischen Wildtiere dar..


Der Rotfuchs wurde am häufigsten in Berliner Gärten gesichtet. 

Foto Leibniz- IZW

Welche Arten wurden erfasst?

Von kleinen Mäusen bis zum dicken Wildschwein – insgesamt 13 landlebende Wildtierarten wurden in Berliner Gärten gesichtet. Tatsächlich waren es sogar noch mehr Arten, denn im Bestimmungsprozess wurden verschiedene Mäuse-, Ratten- und Marderarten zusammengefasst, da sie auf Fotos schwer zu unterscheiden sind.


Das am häufigsten gesichtete Wildtier in der Stadt und unangefochtener Sieger war – na, erraten Sie es? – der Rotfuchs. Er wurde im gesamten Projektgebiet erfasst, recht häufig auch am Tag. Platz zwei nahm der Waschbär ein. Ursprünglich aus Nordamerika stammend, wurde diese Art als Pelzlieferant nach Deutschland gebracht. Inzwischen haben sich hierzulande stabile Waschbärpopulationen etabliert. Da Waschbären sehr anpassungsfähig sind, kommen sie auch in der Großstadt gut zurecht.


Eichhörnchen wurden in vielen Gärten über das gesamte Stadtgebiet verteilt und meist tagsüber gesichtet. Auch der Igel gehört zu den häufiger gesichteten Stadtbewohnern. In ländlichen Gebieten machen ihm vor allem Monokulturen und das Insektensterben zu schaffen, in der Stadt findet er mehr Nahrung, dort droht ihm jedoch – wie allen Wildtieren – Gefahr durch den Straßenverkehr. Häufig gesichtet wurden auch Steinmarder. Im Projekt wurde zwar nicht zwischen Stein- und Baummarder unterschieden, allerdings ist letzterer selten in der Stadt anzutreffen. Biber gibt es in allen wasserreichen Gegenden Berlins, von Tegel bis Köpenick. Selbst mitten in der Stadt kommen sie im Tiergarten vor. Sie zu Gesicht zu bekommen ist jedoch gar nicht so einfach, und auch im Projekt wurden sie nur in einem Garten gesichtet. Auch Dachse sieht man selten, obwohl sie im gesamten Stadtgebiet vorkommen können. Die nachtaktiven Tiere bevorzugen eher naturnahe Lebensräume. Der Feldhase wurde nur in einem Garten erfasst. Hasen sind sehr stressanfällig und meiden die Nähe zu Menschen. Das kleinere und in Gruppen lebende Wildkaninchen wurde ebenso beobachtet.


Mäuse und Ratten (Familie der Langschwanzmäuse [Muridae]) wurden vermutlich aufgrund ihrer geringen Größe nur selten fotografiert, auch wenn sie über das gesamte Stadtgebiet verbreitet sind. Rehe bevorzugen eigentlich ländliche Gebiete, dennoch war die Anzahl der Sichtungen erstaunlich hoch. Wildschweine liefen eher selten vor die Linse, und dies vor allem in den Randbereichen Berlins und außerhalb der Stadtgrenze.


Hasen sind scheu – dies ist die einzige Aufnahme, die hochgeladen wurde. Foto: Leibniz-IZW

Schnappschüsse aus dem tierischen Alltag

Wildtiere gehen in unseren Gärten ihren normalen Tätigkeiten nach und wurden dementsprechend u.a. beim Fressen, Trinken, Spielen, Erkunden, Dösen und „Kräftemessen“ fotografiert. So nutzen viele Tiere Trinkmöglichkeiten im Garten. Leider besteht dabei vor allem für kleinere Tiere wie Eichhörnchen die Gefahr, dass sie ins Wasser fallen und ertrinken. Daher wird empfohlen, an Regentonnen u.ä. eine Ausstiegshilfe anzubringen.


Füchse untersuchen und markieren gern herumliegende Gegenstände wie Schuhe. Marder trollen oft zu zweit durchs Leben. Fuchs und Waschbär laufen sich des Öfteren über den Weg, ohne sich sonderlich zu beachten. Das ist insofern nicht verwunderlich, als die beiden die am häufigsten gesichteten Arten im Projekt waren. Die meisten Tiere sind nachts unterwegs.


 Wo fühlen sich Wildtiere besonders wohl?
Gewisse Randbedingungen müssen sicherlich erfüllt sein, um im Garten tierische Gäste zu empfangen. So sollte der Zaun nicht zu dicht und hoch und der Garten nicht nur eine Betonfläche sein. Im Projekt konnten verschiedene Faktoren identifiziert werden, die die Attraktivität für tierische Besucher steigern. Die Chance, einen Igel zu sichten, ist im Frühjahr größer und steigt außerdem, wenn sich Obstbäume im Garten befinden. Eichhörnchen sind in den Berliner Gärten häufiger im Herbst zu beobachten – besonders, wenn dort Nussbäume stehen. Und Waschbären? Sie wurden vor allem in Gärten mit Kompost gesichtet. Prinzipiell wurden alle Arten in Kleingärten und Gartengrundstücken gesichtet. Doch besonders im Herbst besuchten sehr viele Füchse die Kleingärten.

Berlin hat viele Gewässer, darum waren Reiher übrdurchschnittlich oft vertreten. Foto: Leibniz-IZW

Auch wenn Vögel nicht im Fokus des Projekts standen, wurden sie in vielen Gärten fotografiert. Dazu gehörten häufig zu beobachtende Gartenvögel wie Bunt- und Grünspechte, Meisen, Eichelhäher, Elstern, Rotkehlchen, Amseln, Stare, Spatzen, Kleiber und Nebelkrähen. Aber es gab auch seltene und sehr seltene Gäste wie Waldkauz, Ente und Habicht. Interessanterweise ist der Graureiher in Berlin

häufiger zu beobachten als in anderen Städten.


Die vielen Berliner Gewässer könnten ein Grund dafür sein. Die Waldschnepfe ist in der Stadt sehr selten anzutreffen. National steht sie auf der Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel. Der seltenste aller gesichteten Vögel in der Stadt: der Wiedehopf, der in Deutschland als gefährdet gilt.


Mit Bürgerinnen und Bürgern Wissen schaffen

Ob Vögel oder Säugetiere – durch das Projekt „Wildtierforscher in Berlin“ wurde die Artenvielfalt in Gärten in Berlin und Umgebung auf beeindruckende Weise dokumentiert. „Ohne die Unterstützung von Hunderten Teilnehmenden hätten wir diese Menge an Daten aus dem gesamten Stadtgebiet nicht zusammentragen können“, so Dr. Miriam Brandt, Leiterin des Projektes.


Und auch für die Teilnehmenden war es ein tolles Erlebnis, das ihnen viele neue Einblicke brachte: „Dank der Kamera weiß ich nun, dass mindestens ein Waschbär jeden Tag bei mir unterwegs ist, dass Füchse nicht so selten wie gedacht mir Gesellschaft leisten und dass es kein Zufall ist, wenn ich nachts mal über einen Igel stolpere“, sagt ein Kleingärtner.


Die gesammelten Daten werden nun von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgewertet und in Fachjournalen publiziert.


Dr. Kathleen Röllig, Anke Schumann 

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, www.stadtwildtiere.de


Information zum Projekt

„Wildtierforscher in Berlin“ war Teil des Projektes WT Impact, eines Verbundprojektes des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (Tropos) in Leipzig, des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik (IPN) in Kiel und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Es wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (9/2017–2/2021). Näheres unter www.stadtwildtiere.de




Dieser Textbeitrag erschien in der Juli-Ausgabe 2021 der Verbandszeitschrift 'Berliner Gartenfreund', Seite 7/16-7/17, und mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen jetzt auch hier online. 

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